Freitag, 20. Januar 2012

Retrokleider vs. Emanzipation



Auf diesem Foto, gemacht um 1950, seht ihr Hedwig Niemetz, geborene Mathä, geschiedene Tschunkova geboren 1899 in Linz, genannt Hardy. Das war meine Urgroßmutter. Beinahe wäre sie sogar noch mal geschieden worden, aber der zweite Ehemann blieb im Krieg. Hardys Bild hing immer an einem Ehrenplatz in meiner elterlichen Wohnung, sie war die Lieblingsoma meines Vaters. Mit diesem Bild bin ich aufgewachsen. Zeigt dieses Bild eine Frau die durch Korsett und Konvention eingeengt wird? Nein, es zeigt eine coole Frau auf einem dicken Moped.
In dem Kasten auf dem Gepäckträger waren Blusen, die ihre Tochter, also meine Großmutter, genäht hatte. Von dem Modedesignstudium meiner Großmutter Ende der 30er Jahre schrieb ich bereits hier. Beide Frauen waren nach dem Krieg verwitwed und aus ihrer Heimatstadt vertrieben und bauten sich so eine neue Existenz auf: Die Tochter nähte und die Mutter fuhr mit dem Motorrad durch die Dörfer und übers Land, nahm Bestellungen auf und verkaufte. Später konnten sie ein Modeatelier namens "Blusengarten" eröffnen.

Diese Geschichte soll mein Beitrag zum Nähfragezeichen von Meike sein, das lautete:

Warum nähen politisch sehr bewußte und kritisch denkende Frauen Vintagekleidung aus den 40ern bis 60ern. Warum wird die Mode aus der Zeit, in der Frauen eher unterdrückt wurden, zum Vorbild? Kann die Mode getrennt von der gesellschaftlichen Situation gesehen werden, in der sie entwickelt und getragen wurde? Was macht sie so anziehend?

Ich will nicht bestreiten, dass Frauen in den 40er bis 60er Jahren unterdrückt wurden. Aber aus meiner Sicht gibt es auch hier nicht schwarz und weiß sondern alle möglichen Konstellationen und daraus auf die Mode zu schließen als eine, die unterdrückt, das greift für mich zu kurz. Zum Beispiel war die Erwerbsquote von Frauen bereits in den 50er Jahren überraschend hoch, das taucht aber in der kollektiven Erinnerung nicht auf. Viele Kleidungsstücke waren auch als Arbeitskleidung konzipiert, also ohne formende Unterwäsche tragbar: Wir sprechen von harter körperlicher Arbeit auch im Haushalt, da brauchten Frauen Bewegungsfreiheit und strapazierfähige Stoffe.
Die Wespentaillenshilouette an sich ist aus meiner Sicht noch nicht unterdrückerisch, sie wird es mit der dazugehörigen Assoziation von Frauen als Dummchen. Aber hat sich am Objektstatus von Frauen so wahnsinnig viel verändert, dass wir uns heute entspannt zurückgelehnt über die damaligen Verhälnisse gruseln dürfen? Gesellschaftlich gesehen denke ich, es sind Meilensteine, die wir dank der Frauenbewegung weitergekommen sind (und auch dank der Modernisierungsbedürfnisse des Kapitalismus, der auf die Ware weibliche Arbeitskraft nicht mehr verzichten möchte). Aber modisch, bzw. was das öffentliche Bild von Frauen angeht? Ist es wirklich emanzipiert, dass sich Frauen nun freiwillig ausziehen und verkaufen? Sind die heutigen Schönheitsnormen etwa weniger fies? Ist es ein Fortschritt, wenn sich Frauen in immer engere  Klamotten quetschen? Ist es ein Fortschritt, wenn vom Boulevard bis zum Politmagazin ganz selbstverständlich mit nackten Frauen aufgemacht wird? Ist das nicht alles verdammt ekelig? Ich denke, es liegt nicht an der Mode, wie emanzipiert wir sind sondern daran , ob wir uns ins Korsett der Modeindustrie pressen lassen. Ich trage übrigens meine 50er Jahre Kleider immer ohne.


Das ist Hardy in Hosen und einer (Männer-?)Lederjacke 1924.


Hier ist sie ein Teufel in ziemlich kurzen Hosen 1923.


Und hier ist sie einfach nur umwerfend, oder?


Ich werde das Projekt Familienfotos mit Frauen aus meiner Familie in ihren damaligen Kleidern hier fortsetzen. Schon lange wollte ich über das Motorradbild schreiben. Vielleicht habt ihr auch noch alte Bilder von Euren Vorfahrinnen? Ich wär sehr gespannt, Geschichten von anderen zu lesen! Danke, Meike, endlich hatte ich mal eine Gelegenheit, der unglaublichen coolen Hardy einen würdigen Rahmen zu geben.

26 Kommentare:

wollkisterl hat gesagt…

Ich bin begeistert, von deiner Urgroßmutter Hardy. Ich hätte sie gerne kennenlernen wollen.
Danke für deinen interessanten Bericht u. die tollen Fotos.
LG Elke

Naehfantastisch hat gesagt…

Tolle Fotos von einer tollen Frau. Das war zu der Zeit modisch sehr gewagt. Klasse, dass deine Urgroßmutter sich das getraut hat. Ich hätte sie auch gerne kennengelernt.

LG Evelyn

Meertje hat gesagt…

Was für ein toller Post, hat Spaß gemacht den zu Lesen.
Liebe Grüße Miriam

frifris hat gesagt…

Das Thema juckt mich auch noch in den Fingern, der gesellschaftliche Aspekt von Kleidung ist ja nicht ohne - aber leider kann man das immer am besten rückblickend beurteilen.
Toll, die Fotos. Ich guck mir nicht nur leidenschaftlich gern die alten meiner Verwandtschaft an, sondern auch von anderen. Das ist einfach was Besonderes.

mona hat gesagt…

Danke für die tollen Fotos und die schöne Geschichte!

Aprikaner hat gesagt…

was für eine tolle Geschichte! Danke für´s erzählen und zeigen!

Sei lieb gegrüßt
anja

Antje hat gesagt…

hallo catherine, das mit den alten fotos und natürlich der mode dazu finde ich eine schöne idee, vielleicht können wir uns dazu mal "verabreden", da hätte ich auch einiges zu erzählen/zeigen...glg antje

Suschna hat gesagt…

Also so eine coole Vorfahrin habe ich (jedenfalls fotomäßig) nicht, aber ich ergreif die Gelegenheit gern, auch alte Fotos zu zeigen.
Ich finde auch, dass die (Zeitschrifte-)Mode zur Zeit unglaubich einengend und kein bisschen emanzipiert ist. Wenn man eine Gala durchblättert oder die ganzen Shows im Fernsehen guckt kriegt man die Krise. Immer irgendwelche dünnen Flatterkleidchen, möglichst viel Haut zeigen, High-Heel-Sandälchen an vorgestreckten gruselig sehnigen Beinen ("Fohlenbeine" habe ich vor Kurzem sehr treffen gelesen) usw. Ganz zu schweigen von dem Strech-Jeans mit Emu-Boots Einheitslook der jungen Mädchen.
Oha, jetzt rede ich wie ein Alte, bin ich ja auch.
Inzwischen zieht der 50er/60er Retro-Look aber auch schon so weit in die Geschäfte ein, dass man es sich vielleicht auch bald übersieht. Ich tippe mal auf 20er als Ausweichlook, so wie bei deiner Urgroßmutter.

Julia hat gesagt…

Tolles Statement, schöne Geschichte.
Deine Uroma und Oma waren bestimmt tolle Frauen. Du zeigt hier schön beispielhaft, dass die Bewertung der Epoche und das reale leben wenig gemein haben.
Ich muss mal in mich gehen und überlegen, ob ich auch mal Bilder meiner Oma und Uroma veröffentliche. Meine Oma ist leider vor kurzem verstorben, das ist vermutlich noch zu emotional für mich. Aber sie war auch eine durch und durch emanzipierte Frau, bis zuletzt.
Viele Grüße
Julia

Steffi hat gesagt…

Ich bin ganz fasziniert von deiner Uroma und der Geschichte. Meine Familie ist auch seit ich denken kann etwas fortschrittlicher im Denken, allerdings existieren leider keine so tollen Bilder und die Geschichten dazu sind leider auch eher rar.
Ich freue mich jedenfalls, dass du das mit uns geteilt hast.

Liebe Grüße
Steffi

frifris hat gesagt…

Achja, ich fände das schön, wenn noch so ein paar Fotos zeigen. So unterschiedliche Lebenswelten!
Leider gibt es bei uns nur wenige Fotos, aus damaligem Mangel an Geld/Technik/Zeit; bzw. sie lagern irgendwo anders (sehr ausufernde Verwandtschaft). So ein paar hab ich kürzlich gepostet. Da haben die Kinder wenigstens Schuhe an - es gibt auch andere, ohne Schuhe.

Also, meine Großmütter (Urgroßmütter) hatten bestimmt kein Korsett an *lach*, aber ein Mieder bestimmt auch. Naja, das macht heute ja auch wieder vermehrt Mode, wenn man sich das blöde Ideal schon nicht antrainiert, dann wird halt gequetscht. Irgendwie traurig. Aber ich mag meine Röllchen ja auch nicht so gerne zeigen - wer unschuldig ist, ...?
Und wenn man sich den Einzeltrainer leisten kann, möchte man das ja auch zeigen, wozu dann verhüllende Kleider? ;)
Tja, Fohlenbeine und Rehaugen - Kindchenschema. Gar nicht so wahnsinnig emanzipiert.

Stephanie hat gesagt…

Hardy scheint eine echt interessante Frau gewesen zu sein. Das Motorradfoto ist super! Lg, Stephanie

Die Linkshänderin hat gesagt…

Ich stimme Dir in allen Punkten zu!

Und eine tolle Uroma hattest Du!

Was mich heute auch so nervt: Dass die Emanzipation so einseitig betrachtet wird. Nur weil wir arbeiten gehen dürfen, müssen wir es auch? Nur weil wir Hosen anziehen dürfen, dürfen wir keine Kleider tragen? Nein, wir dürfen wählen! Wir können machen, was uns gefällt!

Und so bin ich eine Maschinenbau-Ingenieurin, die gern Kleider trägt und ein paar Jahre Vollzeit zuhause bleibt. Weil ich es so will! Und weil wir es uns leisten können. Zum Glück.)

WOLKENHAUS hat gesagt…

Wüssten wir überhaupt etwas von Emanzipation ohne diese Frauen!
Super deine OMIS - ne, richtig cool!
Und ein sehr guter Bericht!
Liebe Grüße
Wolke

Kat hat gesagt…

Ich möchte der Linkshänderin zustimmen! Die Wahl zu haben, darum geht es doch. Ich fühle mich da immer an diese unsägliche JBK-Folge mit Alice Schwarzer und Verona - damals, glaube ich, noch - Feldbusch. Das war gruselig.

Aber verdammt coole Uroma!

LG Kat

Wiebke hat gesagt…

Hardy- Hut ab....

Ich bin immer wieder voll Respekt für die Kraft der Frauen (wie auch meine Oma und Uroma), die damals gezwungenermaßen alleinerziehend einen Teil dieser Stadt mit ihren eigenen Händen weder aufgebaut haben, nebenbei an irgendwelchen Zügen hängend aufs Land rausfuhren, um liegengebliebene Kartoffeln in ihren Rucksack einzusammeln.
Aber das wichtigste war, daß die Töchter studieren konnten.

Ich habe für mich selbst keine besondere Affinität zu vintagekleidung, verbinde aber aufgrund von persönlichen Erzählungen mit dieser Mode vor allem immer diese spezielle Lebensfreude und diese Freude, aus wenig immer noch was machen zu können.

Vielleicht (oder hoffentlich) fragen sich meine Urenekelinnen irgendwann später, warum wir Frauen uns damals nach der Jahrtausendwende haben so beschämen lassen, dass wir gezwungen waren, gute Jobs über eine Frauenquote zu bekommen. Oder uns gegenseitig die Augen ausgehackt haben über die Frage, was eine Rabenmutter ist....
Und warum man dann freiwillig auch noch seine sparrigen Beckenknochen selbst im Winter in Hüftjeans bauchfrei und nackig haben und allen den String zeigen mußte.

Etwas am Thema vorbei, oder?

LG
Wiebke

Anonym hat gesagt…

Wow, ich bin baff. Tolle Geschichte! Deine Urgroßmutter hätte ich auch gerne kennengelernt! Hört sich fast nach einer schönen Vorlage für einen Roman bzw. Film an.
Ich habe eine tolle Oma gehabt, sie hatte 8 Kinder zur Welt gebracht, nach dem Krieg noch einen Kriegsversehrten Mann dazu, war aber immer ganz lieb! Ich habe ein ganz tolles Bild von ihr im Köstüm, das würde so zu Deiner Reihe passen, habe ja leider kein Blog! Sie war auch emanzipiert, allein dadurch das sie die Kraft war und eh alles regeln und machen mußte, hat sich nie hängen lassen, Gründe hätte sie genug gehabt! Aber auch äußerlich nie hängen lassen. Irgendwann im mittleren Alter hat sie Nähkurse bei der Familiebildungsstelle besucht, als Ausgleich für sich selber, und seit 2 Jahren mache ich genau das Gleiche.Küßchen in den Himmel für meine Anneliese! Und liebe Catherine fühl dich gedrückt, Dein Blog ist einfach wunderbar! Deine ehmalige Gewinnspiel Gewinnerin

Alexandra aus dem Ruhrpott

Frau Firlefanz hat gesagt…

Nun hast du auch männliche Leser hier ;-) Mein Mann war ganz verzückt vom ersten Foto mit Moped. (Er liebt solche alten Mopeds und Motorräder...) Er hat sich nur gefragt, wie deine Urgroßmutter noch vom Fleck gekommen ist mit dem Windschutz vorn dran. *lach*
Ich schließe mich aber auch an. Mir hat dein Post sehr gefallen, danke.

smart-girls Allerei hat gesagt…

Tolles posting, ich bin schon auf Deine nächsten Bilder gespannt,
kreative Grüße,
Sabine

*talentfreischön* hat gesagt…

Danke für die Geschichte und die Bilder.
Interessant finde ich Wiebkes Gedankenexperiment: Was wird man mal über unsere Zeit sagen? Ja, was? Ich hab neulich im Zusammenhang mit dem schönen Stillthema einen guten Text gelesen, in dem die heutzutage weitgehend ahistorische Rezeption des Themas Babyernährung analysiert wurde. Nach dem Motte: "Früher" war es so und so, alles so natürlich - ohne zu definieren, wann früher war und genauer zu differenzieren, genauer hinzugucken, was es "früher" auch an Vielfalt gab.
Ähnliches scheint mir hier zu stimmen: Die Gleichung: "früher" = Unterdrückung, heute = Emanzipation stimmt beileibe nicht. Wir leben in einer Zeit, in der die Selbstbezeichnung als Feministin meist mehr als Stirnrunzeln hervorruft...
Ich guck am Wochenende mal nach Fotos meiner Ahninnen.

Herzliche Grüße
Melleni

kaze hat gesagt…

Danke fürs Zeigen und Erzählen. Massenhaft Fotos aus dieser Zeit sind ja nicht selbstverstöndlich. Ich glaube ich gehe mal Gründeln, hätte da auch etwas...das Thema ist so spannend und beschäftigt mich schon lnage. ich muß wohl doch mal nach Berlin kommen zum quatschen.Ich tippe viel langsamer, als ich spreche oder denke, das behindert ein wenig.
Viele Grüße Karen

schildkroete hat gesagt…

Danke für die tollen Fotos! Und mit dem Rest bin ich uch sehr einverstanden.
Herzliche Grüße
Sabine

KleinesLieschen hat gesagt…

Tolle Bilder und Geschichten! Ich hab gerade noch ganz alte Familienbilder neu gerahmt, die hängen schon ewig bei uns im Wohnzimmer, aber seltsamerweise sind meist Männer drauf... ich glaub, ich sollte mal bei meinen Eltern wühlen gehen...

LG vom KleinenLieschen-Andrea

Nahtzugabe5cm hat gesagt…

Hallo Catherine,

eine tolle Urgroßmutter hast Du.

Du hast Recht, ich finde die momentane Mode möglichst (eng, viel Haut zeigen) nicht wirklich besser für uns Frauen. Da bevorzuge ich doch lieber die weitschwingenden Röcke und Kleider der 50er Jahre. Da fühle ich mich wesentlich angezogener als beispielsweise in einem Bleistiftrock. Ich denke jede Modeepoche hat ihren eigenen Stil und wir Näherinnen habe ja das Glück unsere Wünsche relativ einfach umsetzen zu können und so uns "unsere" Epoche oder Mischungen daraus ohne Mode-Diktate von großen Läden raus suchen zu können.

Vielen Dank fürs Zeigen. Ich freue mich schon auf weitere Blogeinträge mit alten Fotos und Geschichten.

Lieber Gruß, Muriel

Teresa hat gesagt…

Ich bin ein bißchen spät dran habe aber diesen herrliche Blogeintrage erst heute entdeckt. Ich habe selber auf meinem Vintage Blog auch schon alte Fotos gezeigt auch meist Frauen aus meiner Familie. Danke für's Zeigen und die nette Geschichte. Ich nehme Dich jetzt gleich in meine Blogliste auf damit ich nichs mehr verpasse.
Alles Liebe
Teresa

Fragolinchen hat gesagt…

Tolle Geschichte - und um die Kriegszeiten herum sicherlich oft so gelaufen, daß sich die Frauen alleine um alles kümmern mußten und das auch taten.

Meine Oma war Krankenschwester auf dem Land und fuhr auch auf einem Moped von Dorf zu Dorf. Sie hatte dabei in jedem Dorf einen Kavalier, der ihr beim Aufsteigen half. Ein typisches Weibchen? - Ich glaube nicht, sie hatte wohl eher ihren Spaß daran!